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Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Clown und dem Kind, das man früher einmal war?

Mein kleiner Sohn (gut 1 Jahr alt) spielt unter dem Tisch:
Nach dem Essen des morgendlichen Breis hat er von mir den gerade benutzten  Löffel und eine Kastanie bekommen. Immer wieder legt er die Kastanie auf den Löffel, um ihn dann zum Mund zu führen. Und fast jedesmal, wenn er die Hand mit dem Löffel und der Kastanie zum Mund bewegt, fällt die Kastanie runter. Die Ernsthaftigkeit, mit der er sein Spiel betreibt, wechselt in meinen Augen ständig zwischen „süß und lustig“. Da das Spiel mit der Zeit langweilig wird, werden nun andere Möglichkeiten ausprobiert: er nimmt Kastanie und Löffel zusammen in eine Hand und krabbelt mit seiner Beute in der einen Hand stolz durch die Küche; der Löffel liegt auf dem Boden und er schlägt mit der Kastanie drauf und der Löffel fliegt manchmal in hohem Bogen durch die Luft; die Kastanie wird mit dem Löffel als Golfschläger durch die Gegend geschossen; um nur einige zu nennen.
Von der Clownsschule kenne ich auch das Spiel mit den Requisiten: vergiß alles, was Du über den Löffel, den Regenschirm, den Hocker, die Plastiktüte weißt. Und entdecke dein Requisit von Grund auf neu. Es entwickeln sich neue Sichtweisen auf und Spielmöglichkeiten mit einem Gegenstand, die man mit dem Verstand und dem Denken alleine nicht entwickeln kann. Es braucht das intensive Spiel und die Auseinandersetzung mit dem Material. Das ist nichts anderes, was kleine Kinder jeden Tag machen und den Beobachter zum Schmunzeln und Lachen bringen. Dem Clown bringt es Stoff für Geschichten, ohne die er auf der Bühne oder in der Interaktion mit dem Publikum nicht überraschen kann.

Ein anderes Beispiel:
Wir treffen einen Bekannten auf der Straße. Mein Sohn wird von mir getragen und befindet sich mit mir fast in Augenhöhe, schaut mit großen Augen den Neuankömmling an und dreht dann, halb lächelnd, halb verschämt, den Kopf zur Seite und nach unten. Nicht weil er sich schämt, sondern wie ich denke, um Interesse und Zuwendung hervorzurufen.
Dann habe ich Stan Laurel und Oliver Hardy als „Dick und Doof“ gesehen. Sie fahren mit Ihrem Auto die Straße entlang und sehen zwei junge Damen, die an einem Kaugummiautomaten verzweifeln, der die bezahlten Kaugummis nicht ausspucken will. Sie stoppen Ihr Auto umgehend am Straßenrand, und nachdem Sie von den beiden hilflosen Damen bemerkt werden, drehen sie sich verschämt lächelnd zur Seite und provozieren beim „schwachen“  Geschlecht ein Lächeln.
Die Gestik und Mimik der beiden Situationen ähnelt sich und es scheint ein verankertes Verhaltensmuster zu sein, das dem kleinen Kind mit auf dem Weg gegeben ist.

Die Clowns-Lehrerin Laura Fernandez hatte einmal Fotos gegenübergestellt von Clowns und Ihren Konterfeis aus Ihrer Kindheit. Die Ähnlichkeiten waren verblüffend und erhellend zugleich.

Im Theaterworkshop mit Philippe Gaulier „Spiel- play-le jeu“ bestand eine der verschieden Aufgaben darin, mit einem Partner hinter dem Vorhang „Stein, Schere, Papier“ zu spielen. Derjenige, der gewonnen hatte, trat auf die Bühne  und zeigte seine Freude über das gewonnene Kinderspiel. Nur den wenigsten gelang es; denn Gaulier authentisch gegenüberzutreten und ihm nichts vorzumachen, ist sehr schwer.
Auch hier ging es darum, seine unverstellte, kindliche Freude zu zeigen und sie in das normale Schau-„Spiel“ zu übertragen.

Meine Schlußfolgerung, die sich aus den beschriebenen Beispielen ergibt, lautet kurz und knapp:
Die Suche nach dem eigenen Clown ist immer auch die Suche nach dem eigenen Kind-Sein.
Nicht ohne Grund lautet der Slogan der Clowns-Schule in Hamburg:
Clown sein macht stark, frei und sexy. Also: „Back to the Roots!“

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